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Zeit für Genießer

Zeit für Genießer

 

„Alles hat seine Zeit“, das lehrt schon das Alte Testament. Dass aber ein Zeitgeist durchaus auch zurückkehren kann, verhalf der Uhrenmanufaktur IWC in Schaffhausen zu unerwartet neuer Blüte – und das ausgerechnet in einer von Zeitmangel geprägten Zeit.  

Es war das Zusammenspiel glücklicher Um-stände, das im Jahre 1868 zur Gründung einer Uhrenmanufaktur im schweizerischen Schaff-hausen führte. Zunächst einmal gab es dort einen innovativ denkenden und handelnden Unternehmer, der erstmals die Idee hatte, einen so mächtigen Fluss wie den Rhein mittels eines mechanischen Stauwerks als Stromlieferant zu nutzen – womöglich inspiriert von dem fluss-abwärts tosenden Wasserfall. Dieses Wasser-kraftwerk und die schon damals für ihr feinmechanisches Know-how bekannten Schaff-hauser Uhrmacher riefen den amerikanischen Ingenieur Florentine Ariosto Jones auf den Plan, der hier ideale Bedingungen fand für seine Passion, präzise mechanische Uhren für den amerikanischen Markt herzustellen. Seine ursprüngliche Motivation indes war der Umstand, dass zu dieser Zeit in der von hoher Arbeitslosigkeit geplagten Schweiz deutlich günstiger produziert werden konnte als im hochpreisigen Amerika. So gründete er im Jahre 1868, nachdem er den Uhrenfabrikanten Johann Heinrich Moser kennengelernt hatte, die „International Watch Co.“

     Sein großer Plan des Uhren-Exports allerdings scheiterte letztlich an den hohen amerikani-schen Einfuhrzöllen, und Jones musste sich aus dem Geschäft zurückziehen, zum Leidwesen seiner damals rund 200 Mitarbeiter. Auch sein Nachfolger scheiterte, die darauf in eine Aktiengesellschaft umgewandelte IWC musste zweimal Konkurs anmelden. Schließlich übernahm der Schaffhauser Landmaschinen-Fabrikant Johannes Rauschenbach die angeschlagene Firma und führte sie mit Hilfe fähiger Mitarbeiter aus den roten Zahlen. Bis zum Verkauf an die VDO Adolf Schindling AG 1978 war IWC ein Familienunternehmen, nach einer Ära unter Mannesmann gehört IWC inzwischen zum südafrikanischen Richmont-Konzern.

 Heute schreibt das traditionsreiche Unter-nehmen wieder schwarze Zahlen und expandiert sogar, weil es im Stammsitz am Rheinufer langsam zu eng wird. Dabei sah es nicht nur während der schweren Weltwirt-schaftskrise recht böse aus für die gesamte Schweizer Uhrenindunstrie, auch später, in den 70-er und 80-er-Jahren, fürchtete man das Aus für die mechanische Uhr allgemein, nachdem die digital gesteuerte Uhr zwar in Schaffhausen entwickelt, dann aber von den Japanern kopiert und schneller vermarktet wurde. So sank die Zahl der Mitarbeiter in der Schweizer Uhrenindustrie von insgesamt 90.000 auf gerade mal 30.000. Auch IWC war damals stark betroffen und musste die Zahl seiner Beschäftigten von 340 auf 190 reduzieren.  

   Während über 10 Jahre hinweg in der gesamten Schweiz keine Ausbildung zum Uhrmacher mehr stattfand, hielt man bei IWC dennoch weiter Lehrstellen bereit – was sich später erst als glücklicher Umstand oder weise Entscheidung herausstellen sollte. Es kam nämlich, für alle Analysten und Zukunftsforscher völlig unerwar-tet, zu einer bei technischen Produkten einmaligen Renaissance der mechanischen Uhren. Man schätzte zwar die Präzision und den günstigen Preis digitaler „Japaner“, vermisste aber zunehmend die Schönheit, Eleganz und Ausstrahlung einer hochwertigen mechanischen Armbanduhr, zumal einer mit der sprichwört-lichen Schweizer Präzision.

    Seit nunmehr über 140 Jahren werden auf dem Gelände eines ehemaligen Obstgartens des „Klosters zu Allerheiligen“ am Schaffhauser Rheinufer, unweit des berühmten Rheinfalls, hochpräzise Uhrenklassiker von Weltruf produziert. Den Hauch der Geschichte dieses denkmalgeschützten Hauses spürt der Besucher schon beim Betreten: Zwar ist das ehrwürdige Gebäude mehrfach renoviert und innenarchi-tektonisch optimiert worden, doch einzelne Fragmente aus der Gründerzeit verleihen dem in edlen Materialien und modernstem Design gehaltenen Ambiente noch immer den Charme des ewig Gültigen, dieses Charisma von bleibenden Werten, das schließlich alle Produkte des Hauses IWC ausmacht. Zu beiden Seiten des diskreten Empfangsbereiches erstrecken sich nun die Räume des 2007 eröffneten neuen Museums, das bei seiner Gründung 1993 als erstes hauseigenes Museum einer Uhrenmanu-faktur zunächst im hölzernen Dachgestühl untergebracht worden war. Und da sind sie alle, diese Preziosen, die weltweit überwiegend Männerherzen höher schlagen lassen, fein säuberlich geordnet nach geschichtlichem Hintergrund, nach Kaliber, Einsatzzweck und Familienzugehörigkeit.

 

Sie und ihre Entstehungsgeschichten aufzulisten füllt Bücher, die von IWC regelmäßig herausgegeben und von Sammlern hoch geschätzt werden. 230 Uhren-Exponate stellen sich in dezent im Mauerwerk versenkten Vitrinen zur Schau, ein modernes digitales Informationssystem gibt mehrsprachig Auskunft über die Meisterwerke der Feinmechanik und Uhrmacherkunst.

    Eigens für Journalisten hat Walter Baumann (65) die aktuelle Kollektion im vornehmen Besucherraum auftischen lassen, die teuerste von ihnen liegt bei 270.000 Schweizer Franken und besteht aus 659 Einzelteilen. Meisterwerke im Wert von einer Million Franken liegen da jetzt auf dem schweren Eichentisch – was für ein Anblick…! Walter Baumann selbst trägt ein Unikat, eine „Portugieser Automatic Referenz 5001“ mit automatischem Pellaton-Aufzug und einem Medaillon aus 18 Karat Gelbgold in der Schwungmasse – das seine Initialen trägt. Es war das Abschiedsgeschenk an ein Urgestein des Hauses für seine langjährige verdienstvolle Mitarbeit, die auch heute noch nicht wirklich beendet ist. Mit zurückhaltendem Stolz erzählt er von den Anfangsjahren, als er 1962, also vor über einem halben Jahrhundert, als Lehrling hier angefangen hat und schon nach kurzer Zeit zum Leiter der Ausbildung ernannt wurde. Über 140 Spezialisten lernten bei ihm, mit der Zeit entwickelten sich nicht weniger als 8 Ausbildungsberufe im Hause IWC. Um die bewerben sich jährlich 50 bis 60 junge Schulabgänger/innen, von denen schließlich sechs angenommen werden, aufgenommen in die Elite der weltweit wohl angesehensten Uhrmacherzunft. „Ich habe die Leute immer persönlich ausgewählt, und zwar nicht nur nach ihren Noten,“ erzählt der erfahrene Ausbilder, „ich musste dieses Feuer spüren, diesen Willen, die Philosophie unseres Hauses mitzutragen. Man kann den Hang zur Präzision und die Liebe zur Mechanik oder auch den Respekt vor edlen Materialien nicht in der Schule lernen!“ Was er damit meint, zeigt er stolz in den Montage-räumen, wo die hochkonzentriert arbeitenden Uhrmacher/innen durch Glasscheiben vor den Besuchern „geschützt“ hunderte winziger Einzel-teile zu Gesamtkunstwerken zusammenfügen.

    Dem Unternehmen geht es heute wieder gut, gesteht Walter Baumann schmunzelnd, „wir müssen jetzt sogar einen Teil unserer Produktion verlagern auf die Anhöhe gegenüber.“ Kein Wunder, denn der Trend zu Qualität am Handgelenk hält offensichtlich an, und eine Uhr von IWC ist schließlich nicht nur zum Zeitablesen da. Eine IWC ist, ganz gleich, welcher Bauart, welchen Kalibers und aus welchen Materialien gefertigt, nicht nur ein Schmuckstück der besonderen Art, sondern durchaus auch eine werthaltige Anschaffung und geeignet, an künftige Generationen weiter-gegeben zu werden. Gerade in Zeiten, in denen die Menschen mit digitalen Störenfrieden immer und überall für alle Welt erreichbar sein wollen oder müssen, kann das genussvolle Ablesen des einzig gerecht verteilten Wertes auf der Welt, der Zeit, immer wieder zu einer beruhigenden Pause im permanenten Zeitstress werden. Der polnische Schriftsteller Stanislaw Jerzy Lec (1909 - 1066) formulierte es treffend: „Geh’ mit der Zeit, aber komm’ von Zeit zu Zeit zurück!“

Im neuen Manufakturzentrum kombiniert IWC Schaffhausen das traditionelle Uhrmacher-handwerk mit modernsten Fertigungsmethoden und Technologien. Bei der Herstellung von Werkteilen und Gehäusen sorgen Dreh- und Fräszentren der neuesten Generation für höchste Qualität und Präzision. In der Montage der Manufakturwerke ist hingegen sorgfältige Handarbeit gefragt. Erst durch die erfahrene Hand des Uhrmachers beginnt das mechanische Herz der Uhr zu schlagen.

     In einer Bauzeit von nur 21 Monaten ist am Stadtrand von Schaffhausen das neue Manufak-turzentrum von IWC entstanden. Schon bei der Anfahrt wird klar: Damit hat sich die Uhren-manufaktur im Jahr ihres 150. Jubiläums auch baulich ein Denkmal gesetzt. Wandverglasungen mit schwarzen Profilen und weiße, überhängen-de Vordächer ergeben ein kontrastreiches Bild.